Dekanat Rüsselsheim

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        Szenische Lesung in Groß-Gerau

        Briefwechsel 1932-34 zwischen einem amerikanischen Juden und einem Deutschen

        Heidi Förster

        Es ist das kürzeste Drama aller Zeiten. Max Eisenstein und Martin Schulze betreiben Anfang des 20. Jahrhunderts eine gemeinsame Kunstgalerie in San Francisco. Martin ist verheiratet, geht 1932 nach München zurück, wird Staatsbediensteter der NSDA und glühender Verehrer des neuen Führers, Adolf Hitler. Max, amerikanischer Jude, bleibt in den USA. Ihr Briefwechsel wurde am 28. März 2019 als Szenische Lesung vom Freien Theater ZWÖLFplusEINS/MAINZ im Stadtmuseum Groß-Gerau aufgeführt.

        Heidi Förster

         

        Im Groß-Gerauer Stadtmuseum lasen Sibylle Brandl und Volker Gleber  abwechselnd aus Sicht der Enkel aus den Briefen zweier sich immer weiter entfremdenden ehemaligen Freunde aus den Jahren 1932 und 1933 vor. Kressmann Tylor hat den Briefroman 1938 unter dem Titel „Empfänger unbekannt“ veröffentlicht.  Im Publikum entwickelt sich stilles Entsetzen, wie aus einem gebildeten, freigeistigen Intellektuellen ein glühender Verehrer Adolf Hitlers wird.  In Deutschland werden auf offener Straße Juden misshandelt, in Berlin hindern nationalsozialistische Studenten jüdische Kommilitonen am Betreten der Hörsäle. Inmitten von Massenarbeitslosigkeit und Armut kommt Hitler an die Macht. „Der Mann ist wie ein elektrischer Schlag. Ich frage mich, ob er ganz richtig im Kopf ist?“ schreibt Schulze noch kritisch am 25. März 1933  an seinen Freund Max in San Franzisco. Sein Freund Max antwortet besorgt, bittet um eine ehrliche Einschätzung der  politischen Lage in Deutschland und bittet seinen Freund, ein Auge auf seine jüngere Schwester Gisela zu haben, Schauspielerin am Berliner Theater und Ex-Geliebte von Martin.
        Doch der ist längst Teil der Bewegung geworden, lobt Hitler als Tatenmann und die Wiedergeburt des Neuen Deutschen Volkes als große Hoffnung. Max kann es nicht glauben, denkt, dass sein Freund aus Kalkül und wegen der Zensur zu Lippenbekenntnissen gezwungen ist und fordert seinen Freund auf, mit einem  „Ja“ seine Vermutung zu bestätigen. Doch die Antwort ist ein klares „Nein“ eines deutschen Patrioten für den Liberale nur noch Schätzer sind, die viel Wind machen und für den die Judenfrage eine Nebensache ist.
        Als Gisela nach München kommt und Martin um Hilfe bittet, weist er sie vor die Tür und sie wird von SA-Männern ermordet. Die Briefe von Max an seine Schwester kommen mit dem Stempel „Empfänger unbekannt“ zurück. Die Freundschaft der beiden endet. Martin bittet Max, ihn nicht mehr zu kontaktieren, da jeglicher Kontakt seiner Karriere schade und sein Leben bedrohe. 

        Die beiden Laienschauspieler erhielten großen Applaus im Groß-Gerauer Stadtmuseum und es entwickelte sich eine rege Diskussion. Die Briefe von Martin Schulze machen erschreckend deutlich, dass Bildung und Weltoffenheit nicht davor schützen, auf Propaganda reinzufallen und sich derer sogar noch zu bedienen. Und sie haben auch heute erschütternde Aktualität, wirken wie ein Appell, erstarkendem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenzutreten.  Auch wir erleben heute einen Gesinnungswandel in Europa. Inzwischen haben sich die rechtspopulistischen Parteien fast überall in Europa als relevante politische Kräfte etabliert und machen ihren Einfluss sowohl in ihrem jeweiligen Heimatland als auch auf europäischer Ebene geltend. „Wir haben damals wie heute die Pflicht, uns mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen und dagegen müssen wir aufstehen“, resümiert  Ökumene-Pfarrer Wolfgang Prawitz vom Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim treffend. Und Volker Gleber, der als Nachkomme die Briefe von Max Eisenstein vorgetragen hatte und Lehrer in Bingen ist, machte am Ende unter großem Applaus deutlich: “Ich muss meine Schützlinge sehend machen, damit es nie wieder ein 33 gibt.“ 

         

        Die Aufführung war eine gemeinsame Veranstaltung des Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus Groß-Gerau mit dem Pfarramt für Ökumene im Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim, dem Sozial- und Integrationsbüro Groß-Gerau und dem DGB Ortsverband Groß-Gerau. Unterstützt wurde die Veranstaltung auch vom "Bündnis für Demokratie im Kreis Groß-Gerau". 

         

         

         

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

          




         

         

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