Dekanat Rüsselsheim

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        Wege zur Versöhnung

        Mit unseren Händen etwas Gutes tun

        Helmut Lange

        „Versöhnung bedeutet nicht nur Aufarbeitung von Geschichte sondern auch - mit unseren Händen etwas Gutes tun“. Im Sommerlager von Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste e.V. haben die Groß-Gerauer Klaus und Ilse Meinke sowie Helmut Lange und Angelika Lange-Etzel auf dem jüdischen Friedhof in Breslau überwucherte Gräber auf dem Neuen jüdischen Friedhof freigelegt. „Es war jedes Mal ein besonderes Erlebnis, wenn wir den Verstorbenen ihren Namen zurückgeben konnten“, so Klaus Meinke. In einem bewegenden Lichtbild-Vortrag skizzierten sie die Geschichte von Wroclaw (Breslau) und Wege zur Versöhnung.

        Vor dem zweiten Weltkrieg hatte Breslau rund 20.000 jüdische Einwohner. Rund 12.000 Grabsteine stehen auf dem fast fünf Hektar großen Gelände. Viele Gräber sind von Efeu Baumwurzeln und Ästen überwuchert. „Täglich machten wir uns an die Arbeit, Wege und Gräber freizulegen, damit die Namen der Begrabenen lesbar und dokumentiert werden können und damit Angehörige die Gräber ihrer Lieben wiederfinden“, so Ilse Meinke, die auch von erschütternden Momenten berichtete: „Das waren für uns jene Grabsteine, auf denen ein Platz für die Familie vorgesehen war, der Platz aber leer geblieben ist.“
        Zu ihrem Aufenthalt über Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste e.V. gehörten auch viele Begegnungen, sowie Gespräche mit Vertretern des jüdischen Gemeindezentrums.
        In ihrem Vortrag wurde deutlich, dass Breslau wie kaum eine Stadt die bis heute belastete deutsch-polnische Geschichte und die Tragödie des Zweiten Weltkrieges wieder spiegelt. Die Polen, vor allem die Breslauer, haben viel überstanden: Habsburger, Polen, Böhmen, Preußen, Nazis, Kommunisten. Breslauer Freigeister wehrten sich immer wieder gegen Unterdrücker. So erinnert eine Plakette an die in Ausschwitz ermordete Philosophin, Frauenrechtlerin und Nonne Edith Stein. Ihre Eltern sind auf dem jüdischen Friedhof begraben. Berühmt auch die Grabstätte von Ferdinand Lasalle, dem Urvaters der deutschen Sozialdemokratie.

        Versöhnung bedeutet Vergebung

        Dies machte das Foto der lebensgroßen Bronzefigur von Bischof Boleislaw Kominek deutlich, der sich mitten im Kalten Krieg für Versöhnung engagiert hat: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ hat er damals an die Deutschen geschrieben. 
        Über Jahrhunderte lebten in Breslau Deutsche, Juden und Polen gemeinsam unter wechselnder Herrschaft. Fünf Jahrhunderte lang vom 13. bis 18. Jahrhundert gehörte das ehemalige slawische Fürstentum zu Böhmen und zum österreichischen Kaiserreich. Bis Friedrich der Große 1741 Schlesien und Breslau von den Habsburgern eroberte.
        Danach entwickelte sich Breslau bis ins 20. Jahrhundert zu einem wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und geistigen Zentrum Preußens und des deutschen Reichs. Diese Epoche endete im Frühsommer 1945. Nach dem Ende des von Nazi-Deutschen entfachten Zweiten Weltkriegs, dessen erstes Opfer Polen war, musste die deutsche Bevölkerung, fast 90 Prozent der Einwohner, die Stadt verlassen. In den Jahren zuvor waren alle Juden der Stadt, die nach Berlin zweitgrößte deutsch-jüdische Gemeinde in die KZs zur Vernichtung transportiert worden.
        Polen erlitt hohe materielle und kulturelle Verluste: die Verschiebung der Staatsgrenzen, den Verlust eines Viertels seines gesamten Staatsgebiets und damit verbunden die Umsiedlungen von Millionen Menschen.

        „Mit unseren Händen etwas Gutes tun“

        Dies ist noch heute das Motto von Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste e.V.“ – gegründet 1958 von der Deutschen Evangelischen Kirche in West-Berlin und Ost-Berlin. Die Organisation hat es sich zum Ziel gemacht, Versöhnungsarbeit in den Ländern zu leisten, die unter dem Nationalsozialismus besonders gelitten haben.
        Am Ende ihres Vortrags zitierten die Groß-Gerauer ein Statement junger amerikanischer Studenten, die mit ihnen auf dem Friedhof gearbeitet haben:
        „Der Friedhof dient als Gedächtnisstütze und zeigt, wie wichtig eine intakte Erinnerung ist. Da der Friedhof für lange Zeit vergessen worden war, ist es fast unmöglich, das Gelände wiederherzustellen. Jedoch müssen wir es versuchen, so gut wir es können, da die Menschen es verdienen, damit sie ihre Namen und ihre Geschichte zurückbekommen. Keine Geschichte sollte in ihrer Bahn abgeschnitten werden.“

        „Breslau ist heute auf einem guten Weg zur Versöhnung“, so Helmut Lange. Am Südrand der Stadt hat die Toleranz heute ein eigenes Quartier: Das ehemalige jüdische Areal hat die Stadt zum „Viertel des gegenseitigen Respekts und der Vier Religionen“ erklärt. Rund um die frisch restaurierte jüdische Synagoge Zum Weißen Storch  beten Juden, Christen aller Richtungen und Muslime gemeinsam.


        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

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