Dekanat Rüsselsheim

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        Gedenkveranstaltung für die jüdischen Familien Schott in Groß-Gerau

        Gegen Rassismus und Antisemitismus

        "Mein Name ist Omar Al-Hazba. Ich komme aus dem Irak und musste selbst erleben, was es heißt, wenn die eigene Stadt zerstört ist, was es heißt, sich in der Heimat bedroht zu fühlen und was es heißt, auf der Flucht zu sein. Doch ich habe hier einen sicheren Ort gefunden. Viele jüdische Groß-Gerauer hatten diese Chance leider nicht."

        Omar Al-Hazba ist 17, einer der Schülerinnen und Schüler der Klasse 9d der Martin Buber Schule (MBS), die in Groß-Gerau an die tragischen Lebenswege der jüdischen Familien Schott in der Frankfurter Straße 35 und der Helwigstraße 10 erinnerten. 

        Omar musste mit seinen Eltern und seinen drei Brüdern (20, 15 und 13 Jahre alt) aus Basra, Irak flüchten. Viele seiner Verwandten wurden in der Heimat verhaftet. Nachdenklich und froh steht Omar inmitten der Gruppe, er ist angekommen in Groß-Gerau, spricht nach eineinhalb Jahren schon erstaunlich gut deutsch. Seine Lehrerin Kerstin Schelle hatte mit Pfarrer Wolfgang Prawitz die Präsentation ihrer Schülerinnen und Schüler in ihren Unterricht eingebettet. Auch MBS-Schulleiter Philipp Stannarius war gekommen. 
        Beim Gebet für die zehn ehemaligen Groß-Gerauer - die ab der Reichspogromnacht alles verloren hatten, mit wenigen Koffern außer Landes gelangen konnten oder von Frankfurt 1942 deportiert und in Theresienstadt ermordet wurden - war es, als hielten die etwa 80 Teilnehmenden, die sich im Kreis um den Bürgersteig vor dem heutigen Waschsalon aufgestellt hatten, in traurigem Gedenken die Luft an; Während der geschäftige Gleichklang aus Autoverkehr und Geschwätz nur noch von Ferne an Normalität erinnerte.

        Gegen Ausbreitung von Antisemitismus vorgehen

        Noch am Vorabend hatte Ökumene-Pfarrer Wolfgang Prawitz am Frankfurter Römer mit vielen Menschen Gesicht gezeigt gegen Rechts. Jüdische Männer waren mit Kippa gekommen, der kleinen Kopfbedeckung, die im Gottesdienst getragen wird. - Gegen Antisemitismus. Warum das heute nötig ist, 73 Jahre nach Kriegsende? Frankfurts Bürgermeister Becker, der zu der Aktion in Frankfurt aufgerufen hatte, hat dazu gesagt: "Die Abwehr des Antisemitismus ist nicht die Aufgabe der jüdischen Gemeinde, sondern sie ist die Aufgabe der ganzen Gesellschaft." Und er habe auch gesagt, so Prawitz in seiner Ansprache: "Wir stehen nicht mehr, wie wir lange gedacht haben, in der Situation, dass wir sagen können 'Wehret den Anfängen!' Wir stehen inzwischen in einer Situation, in der wir gemeinsam gegen die zunehmende Ausbreitung von Antisemitismus vorgehen müssen." 

        Pfui-Rufe am 16.5. im Bundestag nach Diskriminierungen der AfD-Fraktionschefin Alice Weidel 

         "Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern" - so das Zitat. 
        Yasemin Oktav, Klassenkameradin von Omar, türkischer Herkunft, seit fünf Jahren in Groß-Gerau - sie und Omar könnten angesichts dieser Äußerungen im Bundestag Angst bekommen, Angst vor einer Frau, die Geld vom Staat bekommt, Verantwortung trägt, einer Partei vorsteht, die keinen Respekt kennt. Yasemin hatte im Rahmen der Kulturwoche an der MBS und im Unterricht vom Leben der Juden in Groß-Gerau erfahren. Auswendig und selbstbewusst trug sie ihre Begründung vor, warum sie sich bewusst dazu entschieden hatte, bei dieser Gedenkveranstaltung teilzunehmen: "Ich selbst habe auch durch eine Präsentation über das Leben im Konzentrationslager im letzten Jahr wirklich verstanden, warum der Holocaust ein so wichtiges, trauriges, sogar schockierendes Thema ist, das nicht in Vergessenheit geraten darf." 

        Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c erinnern an das Grauen im November 1938

        Zur Geschichte: Am 7. November 1938 wurde der deutsche Diplomat Ernst vom Rath von dem 17-jährigen Juden Herrschel Grünspan in Paris angeschossen, woraufhin er am 9. November aufgrund seiner Verletzungen starb. Dies wurde zum Anlass genommen, sämtliche Juden in angebliche Schutzhaft zu nehmen, wodurch Angriffe aus der wütenden Bevölkerung vorgebeugt werden sollten.

        Daraufhin wurden im November 1938 in ganz Deutschland 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. 1400 jüdische Einrichtungen sowie tausende jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe wurden zerstört. In Groß-Gerau lebten 1925 161 Juden (2,7 Prozent der Groß-Gerauer Bevölkerung), 1933 140 Juden (2,1 Prozent der Bevölkerung), 1936 nur noch 85, 1937 40, 1988 21 und 1939 keine einzige Jüdin, kein einziger Jude mehr.  Am 29. Juni 1939 titelte die Hessische Landeszeitung: "Groß-Gerau judenfrei! - Als letzter verschwand der dreckige 'Schachteljud'" 
        Zuvor waren zwölf männliche Juden auf dem Marktplatz zur Belustigung der Bevölkerung erniedrigt worden. Sie mussten Turnübungen vorführen. Einer von ihnen war Markus Schott, 74 Jahre alt. Im Alter von 77 Jahren wurde er in Theresienstadt ermordet, Seine Frau Mathilde, geborene Guckenheimer endete mit 65 Jahren in der Gaskammer.

        Magistratsmitglied Jochen Auer sprach als Pate für Moritz Schott

        Für Markus Schott, ehemals wohnhaft in der Frankfurter Straße 35, hat Stadtverordnetenvorsteher Klaus Meinke die Patenschaft übernommen, für Mathilde, dessen Frau, wurde Else Trumpold, stellvertretend für das Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim die Urkunde der Patenschaft überreicht. Jochen Auer hat die Patenschaft für Moritz Schott, den ehemaligen Rechner der jüdischen Gemeinde von Groß-Gerau übernommen. Über Liverpool war ihm und seiner Familie die Flucht nach New York gelungen. Auch das Pfarrer-Ehepaar Jürgen und Petra Fuge, Pfarrer Michael Scherer-Faller, Angelika Lange-Etzel und Helmut Lange, Inge Auer, Inge und Klaus Katzenmeier, Klaus-Peter Schadt und Ehepaar Bernhard und Irene Hechler haben jeweils Stolpersteine im Wert von 120 Euro zum Gedenken übernommen und erhielten ihre Urkunden vom Förderverein für Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau. Stellvertretend für den Magistrat der Stadt sagte Jochen Auer in seiner Ansprache: "Die Stolpersteine, die 2012 erstmals in der Kreisstadt verlegt wurden, gehören heute zum Stadtbild. 65 Steine vor 16 Häusern sind es bislang und sie führen zum Nachdenken."

        Gedenken heißt Erinnern und Respekt 

        Moritz Schott und seine Familie konnten fliehen. "Auch wenn diese Familie vergleichsweise noch Glück hatte", so ein Schüler der PDS, "hatte sie ein schweres Leben, was sie sicherlich stark prägte und ihre Zukunft beeinflusste. Jeder von uns sollte dankbar dafür sein, diese Zeit nicht so miterlebt haben zu müssen, wie die jüdische Familie, die hier lebte, sondern wir alle sollten denjenigen, die damals für ihre Religion kämpften und starben, den größten Respekt und die größte Ehre mit diesen Stolpersteinen erweisen, durch die ständig an sie und ihr Schicksal gedacht wird." 

        Omar ist froh, dass er - wie einst die Schotts - mit wenig Gepäck nach Flucht und Vertreibung aus Basra im Irak in Groß-Gerau eine Heimat gefunden hat - und Freunde - und dass nach und nach sein Leben wieder "normal" werden kann, ohne Angst. Er und seine Geschwister und seine Eltern dürfen bleiben, ihre Asylanträge wurden anerkannt. 

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

         

         

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