Dekanat Rüsselsheim

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        Synode tagt zu Transsexualität mit Kirchenpräsident Volker Jung

        Gottes Regenbogen ist sehr bunt

        Heidi Förster

        „Warum kümmert ihr euch um diese Minderheiten?“ bekommt Kirchenpräsident Volker Jung (EKHN) immer wieder zu hören. Intersexualität verwirrt, fordert heraus, ist anstrengend. In freier Rede und aus dem Glauben heraus hat Volker Jung am 23. Mai 2019 vor 68 Synodalen und Interessierten in der Rüsselsheimer Stadthalle für Akzeptanz und Vielfalt in der Kirche plädiert: „Das ist unser Auftrag, vom Evangelium her, wie wir uns allen gegenüber positionieren.“ Nach dem Impulsvortrag wurde auch in Kleingruppen-Gesprächen deutlich: Transsexualität ist längst kein „Randthema“ mehr. Eine Mutter, die verheiratet und sich als Mann fühlt, eine Oma, die die Freundin ihres Enkels sofort als Mann erkennt und mindestens einer in der Runde, der mit 16 wusste: „Ich bin ein Transmensch."

        Kirchenpraesident Volker Jung, EKHN

        „Transsexualität oder Transidentität ist keine Krankheit, keine psychische Erkrankung. Es geht nicht darum, zu pathologisieren, auch nicht zu moralisieren; Die Frage ist, wie werden wir Menschen ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale, Zuordnung und sexuelle Orientierung  gerecht? Man schätzt etwa 100.000 Transidente in Deutschland. Um sich das vorzustellen, gibt es so viele Transidente wie Postbot*innen hierzulande.“ Karin Langendorf, Kirchenvorsteherin und Synodale aus Ginsheim hört mit wachem Blick, ernst und aufmerksam den Impulsen von Kirchenpräsident Jung am Rednerpult zu. Ein Lacher geht durch die Halle. Sie schmunzelt aber nur verhalten mit. Ihr Sohn Noah Kretzschel sitzt neben ihr. Als zuhause vor acht Jahren klar wurde, dass ihr Kind ein "Trans" ist, begann auch für sie ein langer Weg: „Es war ein riesen Schritt, eine totale Herausforderung“.
        Noah Kretzschel ist Vorsitzender der Evangelischen Jugend der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Er ist 23 Jahre alt und Erzieher. Bei der Landeskirche hat er mit seinem Verband angeregt, dass sich die Kirche mit Transsexualität befasst; mit Erfolg. Im April 2018 ist mit seiner Hilfe die EKHN-Handreichung  „Zum Bilde Gottes geschaffen – Transsexualität in der Kirche“ erschienen. 

        „Es war ein riesen Schritt, eine totale Herausforderung“   

        Volker Jung benennt die Herausforderung, „mit Unterschieden zurechtzukommen im Zugeständnis, dass Annäherung auch schwer fällt“. Um es begreifbar zu machen, sagt er, die Arme weit und die Hände offen nach oben: „Gott ist größer als die menschlichen Kategorisierungen, die wir haben. Wir müssen Gott immer größer denken als das, was wir selber sind.“

        Kirchenpräsident Volker Jung zitiert die Gute Botschaft -  Gott meint „Mann und Frau“

        Gott habe den Menschen erschaffen als Mann und Frau, so Jung. Ein Zitat aus dem Brief von Paulus an die Galater im Absatz drei, Verse 27 und 28, belege: „Es geht um männlich und weiblich.“ Zitat Paulus: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Für die Handreichung der EKHN war Mose Ideengeber, 1. Mose, 1,27: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau.“

        Transsexualität - Herausforderungen im kirchlichen Kontext

        Der Repräsentant der Hessischen Landeskirche nennt Herausforderungen für die Kirche in Seelsorge, der Gestaltung von Gottesdiensten, in Bildung und im Meldewesen. Für dringenden Handlungsbedarf nennt er ein Beispiel aus seiner Zeit als Pfarrer in Lauterbach im Vogelsberg: „Zur Konfirmation wollte ein als Mädchen getaufter Junge mit dem Jungennamen genannt werden. In der Taufurkunde stand aber der Mädchenname.“ Auch bei Taufen suchten viele, die Mitglieder der Ev. Kirche sind und taufen wollen vielfach modernere Formen, als den klassischen Gottesdienst mit Familie am Altar. Familien ohne Trauschein, Partner*in, Paten oder Großeltern wollen nicht in einem konservativen Gottesdient auffallen. So wie dies seit langem bei den Tauffesten am Darmstädter Woog möglich ist, mit Picknick und in großer Gemeinschaft. Für Gottesdienste wie auch Konfirmationen plädiert der Kirchenpräsident schmunzelnd für Öffnung und Umdenken: „Wollen wir allen Menschen gerecht werden? Aus der Überzeugung, dass die befreiende Botschaft des Evangeliums für alle Menschen gilt. Da gibt es noch Luft nach oben! Das muss gelebt sein.“

        Offene Gespräche in Kleingruppen – Transsexualität ist längst Realität


        Nach diesem verständlich und klar positionieren Impulsvortrag von Volker Jung tauschten sich die Haupt- und Nebenamtlichen des Ev. Dekanats Groß-Gerau-Rüsselsheim mit Interessierten aus der Region in Kleingruppen aus. Beeindruckend offen, konzentriert und innerlich bewegt wurde einander zugehört. Erstaunlich viele Erfahrungen und Begegnungen mit Transmenschen kamen zur Sprache. „Die jungen Leute waren der Meinung, dass das doch alles völlig normal wäre und man müsste da gar nicht mehr drüber sprechen“, fasst Britta Jung-Willrodt aus Wallerstädten den Austausch ihrer Gruppe zusammen. Alle seien dem Thema gegenüber sehr offen und aufgeschlossen gewesen. Auch Dekanin Birgit Schlegel hat aufmerksam den Erfahrungen von Ellen Simon zugehört. Simon ist Pfarrerin in Klein-Gerau und auch zuständig für "Gesellschaftliche Verantwortung" im Dekanat. „Mir ist das Thema schon in Studienzeiten begegnet. Ich habe eine Frau lange begleitet, verheiratet und mit Kindern. Ich habe die Zerrissenheit einer Frau mitbekommen, die sich als Mann gefühlt hat. Die Operationen sind heftig. Für mich ist Transsexualität normal, aber ich komme aus einer Gegend mit pietistischer Tradition. Daher ist es wichtig für Homosexuelle und Transidente ein klares Votum zu sprechen.“ Holger Tampe, ehrenamtlicher Chef im Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim, gibt zu bedenken: „Wir sind alle im Kreis Groß-Gerau sozialisiert. Die Würde des Menschen ist unantastbar, und trotzdem haben wir Zeit gebraucht, uns diesem Thema zu nähern. Wir müssen Menschen ermöglichen, ihren Glauben in unserer Kirche zu leben.“

        In der Rüsselsheimer Stadthalle fand an diesem Abend ein bemerkenswert persönlicher, offener Austausch statt. Das Resümee des Kirchenpräsidenten können alle auf der Welt bei Facebook in den "sozialen Medien" nachlesen: „Die Synode – das ist mein Eindruck – war überzeugt: Es ist gut und wichtig, dass wir uns als Kirche mit dem Thema beschäftigen. Wir sind herausgefordert, unsere Denkmuster zu prüfen, um Menschen in ihrer Vielfalt gerecht zu werden. Irgendwann soll die Akzeptanz von Vielfalt so normal sein, dass wir nicht mehr darüber reden müssen.“

        Protestant*innen machen sich auf den Weg - Transsexualität soll Normalität werden

        Doch erstmal muss noch viel darüber geredet werden. Da wurden sich die Protestant*innen im Kreis Groß-Gerau  spätestens an diesem Abend einig. Und sie werden sich der Herausforderung stellen, Transsexualität auch da zu thematisieren, wo Menschen sich weigern, sich damit zu beschäftigen. Die größte Herausforderung wird dabei sein, Transidente, Transsexuelle in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, ohne sie gleichzeitig hervorzuheben, zu stigmatisieren oder zu diskriminieren. 

        Ziel sollte sein -  das weiß die Jugend schon längst und wir „Alten“ brauchen noch etwas – so Volker Jung: „Irgendwann soll die Akzeptanz von Vielfalt so normal sein, dass wir nicht mehr darüber reden müssen.“
        Damit spricht der Repräsentant unserer Landeskirche Noah Kretzschel aus dem Herzen. Sein Wunsch:
        „Die Kirche muss offen sagen, dass Gottes Regenbogen sehr bunt ist.“

         

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

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