Dekanat Rüsselsheim

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        Podiumsveranstaltung zu Frieden? Wiedervereinigung? Perspektiven für Korea

        Hoffen und beten für Frieden in Korea

        Bernd Petri

        „Der Frieden war nie so nah wie zu dieser Zeit. Wir fühlen uns, als könnten wir ihn bereits berühren und riechen… Wir beten dafür, dass Trump und Kim einen Schritt weiter gehen werden, um die Kriegssituation zu beenden und den Friedensvertrag unterzeichnen, und schließlich für die Wiedervereinigung.“ Ein Brief aus Südkorea stimmt hoffnungsvoll.

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        Bernd Petri

        Perspektiven für Korea mit Blick auf Frieden und Wiedervereinigung war Thema der Podiumsveranstaltung am 7. Mai 2018 am Frankfurter Römer, veranstaltet vom Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim, Pfarrer Wolfgang Prawitz und Gastgeber Dr. Thorsten Latzel von der der Evangelischen Akademie Frankfurt (siehe Foto, Galerie). 

        Podiumsgast Nataly Jung-Hwa Han betonte: „Diese Grenze ist einfach unmenschlich und macht uns  krank.“ Koreaner hätten nicht wie in Deutschland den Krieg verloren, „sondern sie waren Opfer. Dieses Bewusstsein, dass sie zu Unrecht geteilt wurden, teilen und verbindet die Menschen in Nord- und Südkorea. Das gibt uns die Kraft, dass wir die Wiedervereinigung vorantreiben“.

        Politikwissenschaftler Dr. Rainer Werning mit verhaltenem Optimismus

        „Es gibt ein wunderschönes koreanisches Sprichwort, das heißt, wer auf der Matte schläft, der fällt nicht tief. Es ist die tiefe Tragik des 20. Jahrhunderts, in dem Korea zweifellos das Kellerkind war, nämlich zwei Mal geschunden. Einmal 36 Jahre als Kolonie und dann nachher als koloniales Objekt geteilt. Ein Schicksal, das eigentlich, man muss sehr vorsichtig sein mit Analogien was Geschichte betrifft, eigentlich hätte das Schicksal Japan widerfahren müssen. Aus meiner Sicht der Dinge ist eine Position des verhaltenen Optimismus angesagt.“  So die Kurzfassung zur Lage Koreas von Dr. Rainer Werning, Politikwissenschaftler und Publizist zu Ostasien und Pazifik. Werning erinnerte an die unglaubliche Aufbruchstimmung im Jahr 2000, „als erstmals beide Staatschefs sich auf Einladung Pjöngjangs in der nordkoreanischen Hauptstadt die Hände schüttelten und zwei Tage später am 15. Juni 2000 die Nord-Süd-Deklaration verkündeten“. Ausdruck der Nord-Süd-Deklaration 2000, so Werning, sei der „Kaesong Industrial Complex“ gewesen mit der Kopplung von südkoreanischem Know-How und Technologie mit nordkoreanischen Arbeitskräften. "Das wurde leider zunichte gemacht durch die Politik von Georg W. Bush. Es war nur die imperiale Allmachtfantasie der USA, die diesen Prozess völlig umkippte. Und die Nordkoreaner sind nicht blöd. Sie haben versucht, die Sprache sprechen zu lernen, die Bush verstand.“

        Podiumsgast Dr. Peter Sturm, FAZ, titelt Charmeoffensive

        „Eine neue Charmeoffensive“ hatte Podiumsgast und Autor  Dr. Peter Sturm von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kürzlich mit Blick auf die möglichen Gespräche zwischen Kim Jong-Un und Donald Trump seinen Artikel betitelt. Ökumene-Pfarrer Wolfgang Prawitz, Vorsitzender der Korea-Partnerschaft in der EKHN, zitierte im gut besuchten Panoramasaal der Ev. Akademie Frankfurt am Römer nochmals das am 27. April 2018 von Süd- und Nordkorea bestätigte gemeinsame Ziel, durch völlige atomare Abrüstung eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel zu verwirklichen. „Ist das glaubwürdig oder doch nur ein frommer Wunsch?“ wollte Prawitz als Moderator des Abends von Dr. Sturm wissen. Schmunzelnd griff der seine ihm wohl zugeschriebene Rolle als „bad cop“ des Abends auf und fasste seine Skepsis in Worte: „In völliger Übereinstimmung gilt die Einschätzung, das Atomwaffenprogramm sei die Lebensversicherung der nordkoreanischen Führung. Um dies aufzugeben, müsse man ihnen ja etwas sehr substantielles dafür bieten: eine Versicherungspolice, die sich gewaschen hat. Was könnte eine nordkoreanische Führung dazu bewegen, einem Stück Papier so viel Vertrauen entgegenzubringen, dass man im Gegenzug seine Hardware sozusagen aufgibt? Wieso soll man jetzt eigentlich der nordkoreanischen Führung glauben, dass sie nun wirklich ehrlich und bis zum bitteren oder guten Ende die Dinge durchzieht? Da ist noch viel Unbekanntes auf beiden Seiten. Deswegen ist  die Hoffnung, bis Ende 2020 eine De-nuklearisierung zustande zu bringen, in dem Sinne, wie wir dies immer verstanden haben, völlig ausgeschlossen.“ Eine Lösung, dies hatte auch Dr. Hans-Joachim Schmidt von der  Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in seinem Eingangsvortrag zur Geschichte Koreas deutlich gemacht, könne es nur geben, wenn alle beteiligten Mächte, nicht nur die USA, sondern auch China, Russland, Japan und andere im Pazifikraum beteiligten Staaten dies gemeinsam nach außen erklärten.

        Kirche in Korea nennt fünf Grundprinzipien einer friedlichen Wiedervereinigung

        Prawitz erinnerte an die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Busan 2013, bei der die Kirchenvertreter/Innen aus Korea immer wieder betont hätten, dass Koreaner/Innen die Probleme in Korea selber lösen müssten. „Geht das und wie ginge das?“ Auch Pfarrer SHIN Seung Min bekräftigte in seiner Antwort die Notwendigkeit einer Nicht-Einmischung von außen. Ruhig und nachhaltig skizzierte der seit 30 Jahren für Frieden und Wiedervereinigung Engagierte die Voraussetzungen für einen Frieden. Von 1989 bis 1997 war der südkoreanische Pastor Mitglied der Menschenrechtskommission des NCCK und nach beruflichen Stationen bei der World Student Christian Federation Asia-Pacific und der PROK ist er seit 2012 wieder für den NCCK tätig: „Die Koreanischen Kirchen haben schon 1988 eine Denkschrift für Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel veröffentlicht. Das war noch zu Zeiten der nachgehenden Diktatur. Wir haben fünf wichtige Grundprinzipien einer friedlichen Wiedervereinigung definiert: Erstens: Wiedervereinigung kann nur friedlich geschehen; Mit Waffen lässt sich gar nichts erreichen. Zweitens: Die unabhängige Wiedervereinigung durch die Koreaner selbst ohne Einmischung von außen. Und drittens: Der große Zusammenhalt aller Koreaner über alle Unterschiede hinweg. -  Diese Prinzipien wurden 1972 bereits festgehalten. Als Kirche haben wir noch zwei weitere Prinzipien benannt, das ist viertens: die Beteiligung der Zivilgesellschaft, der Bürgerinnen und Bürger  und  fünftens: das humanitäre Prinzip. Die kirchliche Erklärung hat großen Einfluss auf die Gesellschaft. Wenn man die darauffolgenden Erklärungen zwischen Süd- und Nordkorea beobachtet, lassen sich diese fünf Prinzipien immer wieder entdecken.“
        Die Kirche in Korea, so der Pastor aus Südkorea, habe einen starken Einfluss auf die gemeinsame Erklärung der beiden Staaten  im Juli 1972 gehabt, in der beide Staaten ihr Ziel einer friedlichen Wiedervereinigung bekräftigt hatten. „In dieser Erklärung, obwohl sie 30 Jahre zurückliegt, sind die ganzen Fragen, die uns heute beschäftigen, bereits aufgegriffen. Die Frage der Entnuklearisierung, die Frage der getrennten Familien, die Frage der humanitären Grundlage der Wiedervereinigung.“

        Krieg beenden nach 73-jähriger Feindschaft braucht Vertrauen

        Wie also sähe sie aus, die alternative Versicherungspolice, die Journalist Dr. Sturm einem Friedensprozess voraussetzt mit Blick auf die Unabhängigkeit der Koreaner, ihre eigenen Entscheidungen zum Frieden zu treffen?. „Dann müsste die Versicherungspolice darin bestehen, dass andere Staaten und Mächte erklären, wir halten uns raus und das noch mit Überzeugung. Kann es dazu kommen?“ fragte Pfarrer Wolfgang Prawitz abschließend in die Runde.
        Seit 1980 besteht zwischen der Propstei Rhein-Main der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und der Propstei GwangJu der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK) in Südkorea eine Partnerschaft. Prawitz hat mehrfach an den regelmäßig gegenseitigen Besuchen teilgenommen. „Ist es denkbar, dass China, Russland, USA und Japan erklären, ja wir halten uns raus, ihr Koreaner macht euer Ding?“ Rev. SHIN Seung Min gibt diesem Prozess mindestens 10 Jahre. Versöhnung brauche Zeit: „Es ist so, dass wir im Süden im Moment eigentlich gar nicht über Wiedervereinigung reden. Im Moment ist es uns wichtig, dass endlich der Krieg wirklich beendet wird. Was erreicht werden könnte, wäre ein Nichtangriffspakt, der von den Amerikanern unterzeichnet und von anderen beteiligten Staaten mit bestätigt wird. Ich denke, dass es im Moment viel zu früh ist, über Wiedervereinigung zu sprechen. Das Erste ist der Friedensvertrag und dann wird es auch sicher möglich sein, wirtschaftliche Entwicklungen auf Seiten Nordkoreas voranzubringen; Inzwischen sind die Unterschiede 50-fach zwischen Nord und Süd. Da muss sich auch etwas ändern, bevor man über Wiedervereinigung sprechen kann. Manche erhoffen, wir hätten die wirtschaftlichen Möglichkeiten, ähnlich, wie das in Deutschland der Fall war, dass im Grunde genommen das westdeutsche System Ostdeutschland übernommen hat. Ich glaube nicht, dass wir im Moment die wirtschaftlichen Mittel hätten, um das stemmen zu können. Fünf Millionen Menschen sind durch den Korea-Krieg ums Leben gekommen und wir haben die Folgen dieses Sterbens, die Traumata, die damit verbunden sind, noch gar nicht richtig bearbeiten können. Die Folgen dieses Krieges, was zurückgeblieben ist, ist wechselseitiger Hass, den wir bisher nicht bearbeitet haben. Seit  73 Jahren leben wir nun in dieser Feindschaft gegeneinander. Wir brauchen unglaublich viel Zeit, um uns kennen zu lernen, um uns verstehen zu lernen und auch um ein Mindestmaß an Respekt zu entwickeln. Ich würde diesem Prozess zehn Jahre geben.“

        Begründete Hoffnung auf Frieden

        Nataly Jung-Hwa Han, deren Korea-Verband e.V. mit Sitz in Berlin sich unter anderem die Aufarbeitung der Vergangenheit durch intensive Beschäftigung mit der japanischen Kolonisation, der Teilung Koreas und den daraus resultierenden ungelösten Konflikten zur Aufgabe macht, begründet ihre Hoffnung auf Frieden auch mit der veränderten Rolle Chinas: „Im Jahr 2000, als wir die erste Annäherung hatten, war China wirtschaftlich noch nicht so stark. China war eins der der ärmsten Länder der Erde. Das Land hat sein Wirtschaftswachstum mit sozialistischem System und Öffnung des Marktes, einem Teil-Kapitalismus, geschafft. China ist ein großes Vorbild für Nordkorea. Ich habe auch das Gefühl, wir müssen uns nicht sofort wieder vereinigen. Nordkorea hat einen Markt zugelassen, und Südkorea hat es auch geschafft, von der extremen Diktatur hin zu Demokratisierungen. Das war ein langer Prozess, wir haben sehr viel Blut verloren. Mit wie vielen Ängsten wir auch gelebt haben, es ist alles möglich und ich glaube, dass jetzt ein entscheidender Punkt gekommen ist, wo wir Südkoreaner, selbst wenn die Amerikaner die südkoreanische Halbinsel verlassen würden, keine Angst mehr hätten.“

        Keine Entschuldigung von Japan für Sexsklaverei 100tausender junger Mädchen und Frauen

        Pfarrer SHIN Seung Min: "Es gibt innerhalb Ostasiens wechselseitige Konflikte in vielfältiger Form. Und die Verwerfungen der Vergangenheit sind immer noch spürbar.  Beispiel sind die so genannten Trostfrauen, für die sich Japan bis heute nicht wirklich entschuldigt hat. Das Massaker von Nanking, das die Japaner bis heute nicht anerkennen, sich nicht entschuldigen, Ich beobachte das anders im Fall von Deutschland, dass die Deutschen sich für die Vergehen der Vergangenheit mehrfach und ernsthaft entschuldigt haben und dass dies eine Voraussetzung war, dass auch in Europa Friedensprozesse möglich waren wie der Helsinki-Prozess.  Von daher wäre es einfach schön, wenn auch in Ostasien so etwas wie ein wechselseitiger Prozess von Vertrauensbildung, wechselseitiger Kontrolle entstehen würde, das wäre auch ein Weg, um die Menschenrechtsproblematik Nordkoreas gemeinsam anzugehen. Und Präsident Mun hat da jetzt eine große Aufgabe, wird sowohl China also auch Japan gegenüber sagen, was zu sagen ist und da spielen die Zivilgesellschaften in den jeweiligen Ländern natürlich eine große Rolle. Die ist in China relativ schwach aber die koreanische Zivilgesellschaft versucht mit zivilgesellschaftlichen Gruppen in Japan, China und anderen Ländern zusammenzuarbeiten und gemeinsam etwas zu erreichen. Solche Prozesse von Vertrauensbildung in Zusammenarbeit braucht es, um nachher so etwas wie Wiedervereinigung überhaupt erst möglich zu machen.“

        Wolfgang Prawitz beendete die Veranstaltung mit einem Hoffnungszeichen

        "Von verhaltenem Optimismus, von frommen Wünschen - vielleicht geht es auch wirklich darum, hin und wieder an frommen Wünschen festzuhalten und das Wörtchen fromm dabei durchaus als etwas Ernsthaftes zu nehmen. Nicht umsonst beten wir in Südkorea, hier und in Nordkorea um Frieden auf der koreanischen Halbinsel. Ein kleines Hoffnungszeichen: In der Vereinbarung von Panmunjom ist die Rede davon, dass beide Seiten ab dem 1. Mai 2018 eine erste Maßnahme ergreifen wollten, nämlich, keine Lautsprecher-Propaganda und keine Flugblätter mehr an der entmilitarisierten Zone; Und ich habe vorhin gehört, dass das passiert und dass beide Seiten sich auch bemühten, dies gegenüber ihren jeweiligen konservativen Kräften durchzusetzen. Das ist zumindest ein kleines – wie ich finde, sogar ziemlich großes - Hoffnungszeichen."

         

         

        Mitveranstalter des Abends waren der Ausschuss für die Partnerschaft in der EKHN mit der PROK sowie das Zentrum Ökumene der beiden hessischen Landeskirchen EKHN und  EKKW (Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck) und die Ev. Koreanische Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet.

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

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