Dekanat Rüsselsheim

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote des Dekanates Rüsselsheim - Groß Gerau zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

        AngeboteÜbersicht
        Menümobile menu

        MÄNNERGESPRÄCHSKREIS

        Keine Vereinnahmung des Kreuzes durch Politiker!

        Peter Wagner

        Am 7. Juni 2018 traf sich der Männergesprächskreis des ev. Dekanats Groß-Gerau - Rüsselsheim zu einem aktuellen Thema - nämlich einer Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Dieser hatte im April 2018 erklärt, dass in allen Dienstgebäuden und Behörden Bayerns öffentlich sichtbar Kreuze aufzuhängen seien. Zitat: „Das Kreuz sei „nicht ein Zeichen einer Religion“, sondern ein „Bekenntnis zur Identität und kulturellen Prägung Bayerns“.

        Ein Thema, das bundesweit hohe Wellen schlug und zum Teil erbitterte Pro- und Contra-Positionen nach sich zog. Grund genug, einen Männergesprächskreis unter den Titel „Kruzifix nochamol! – Keine Vereinnahmung des Kreuzes durch Politiker“ zu stellen.

        Zu Beginn gab der Gemeindepädagoge Jörg Wilhelm einen Überblick in die Geschichte christlicher Symbole seit der Frühzeit des christlichen Glaubens. Den Anfang machte das bekannte Fischsymbol, welches in der Zeit des Urchristentums das wichtigste Erkennungszeichen war. In den letzten Jahren hat dieses Symbol wieder an Bedeutung gewonnen und ist heute an nicht wenigen PKWs zu sehen, wodurch öffentlich ein Bekenntnis zum christlichen Glauben abgegeben wird.

        Ebenfalls erwähnt wurden die Symbole "Christusmonogramm" und "Staurogramm", die Kombination aus den griechischen Buchstaben „Chi“ und „Rho“, die die Anfangsbuchstaben des Namens Christi bilden; für uns nicht sofort erkennbar, da es in unserer lateinischen Schrift wie eine Kombination aus P und X aussieht.

        Die ersten Christinnen und Christen verwendeten daher kein klassisches Kreuz wie wir es heute kennen, insbesondere deshalb, weil das Kreuz als Hinrichtungsinstrument alles andere als ein positives Symbol galt. Dies änderte sich erst, als Kaiser Konstantin damit begann, aus der Vielzahl christlicher Glaubensrichtungen, Symboliken, Evangelien und Überlieferungen eine Staatsreligion zu formen, die möglichst einheitlich sein sollte. Eingeführt als christliches Symbol wurde das Kreuz allerdings erst im Jahre 431 auf dem Konzil von Ephesos. Das Kruzifix dagegen, also ein Kreuz mit einer daran befestigten Christusfigur, setzte sich erst ab dem 12. Jahrhundert durch. Dass die Nazis vor dem Kreuz nicht Halt machten, ist leider auch ein Fakt, und so tauchten die ersten Kreuze mit integriertem Hakenkreuz als Symbol der sogenannten „Deutsche Christen“ bereits 1932 auf.

        Interessant im Verlauf der Diskussion war, dass die Bibel erstaunlich wenig zum Symbol des Kreuzes sagt. So wird unter anderem von „Stamm“ gesprochen oder auch von „Holz“, aber es gibt keine einzige Beschreibung eines Kreuzes. Eine Recherche bei den Römern ist ebenfalls wenig aufschlussreich, denn es gab unterschiedliche Kreuzigungsmethoden, bei denen jedoch die Form des bekannten lateinischen Kreuzes aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht vorkam. Neueren Kenntnissen nach war das Kreuz eher ein klassisches T oder aber ein X, was den Zweck, nämlich den Verurteilten möglichst lange leiden zu lassen, weit mehr erfüllte.

        In der anschließenden Diskussion um die Kreuzpflicht in Behörden wurde schnell deutlich, dass es hier vor allem um Wahlkampf geht.

        In Söders „Kreuzerlass“ spielt der christliche Glaube und vor allem seine Botschaft keine große Rolle. Es gehe um "bayerische Identität", wie Söder betonte. Die Kritik an dem Erlass war entsprechend deutlich und kam von den großen Kirchen, christlichen Organisationen und vielen Menschen, die sich als ChristInnen verstehen. Die bekannt gewordene Unterstützung hingegen fiel gering aus, was unter anderem dazu führte, dass KritikerInnen pauschal als Religionsfeinde bezeichnet wurden, selbst hohe Würdenträger der evangelischen und katholischen Kirche.

        In diesem Zusammenhang blieb auch der sogenannte Kruzifix-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von 1995 nicht unerwähnt. Ausgehend von aufgehängten Kruzifixen in bayrischen Schulräumen stellte damals das Gericht klar, dass hier eine Verletzung der Grundrechte stattgefunden hat. Demnach hat der Staat eine weltanschauliche neutrale Position zu beziehen, was durch die Kruzifixe aber behindert wird. Dass in den meisten bayerischen Klassenräumen immer noch Kreuze oder Kruzifixe hängen, ist Ergebnis eines juristischen Kniffs der bayerischen Landesregierung. Drohen Klagen, wird ein Vermittlungsversuch gestartet und scheitert dieser, wird das Kreuz gegebenenfalls entfernt. Die Realität ist, dass die Mehrheit der Klagenden dann nicht mehr diese Schule besucht haben, womit das Problem aus der Welt war.

        Dass sich viele Menschen ohne Glauben oder anderer Religionen nun von einem Kreuz im Eingangsbereich von behördlichen Gebäuden gestört fühlen können, ist bekannt, geklagt wurde aber bisher nicht dagegen. Die Kritik an diesem Erlass kristallisiert sich letztendlich an zwei Punkten, die auch die Kirchen genannt haben. Zum einen steht das Kreuz heute für Grundwerte wie Menschlichkeit und Nächstenliebe. Beides scheint derzeit in der CSU jedoch keine vorrangige Rolle zu spielen in dem Bemühen, anderen Parteien keinen Raum am rechten Rand zu geben. Zum anderen soll mit dieser Maßnahme das Kreuz zu einem Signal an andere Religionen instrumentalisiert werden - vor allem an den Islam, der nach Ansicht der CSU nicht zu Deutschland gehöre.

        Als Fazit ließ sich am Ende der Diskussion festhalten: Das Grundgesetz mit seiner Religionsfreiheit und der Ausrichtung Deutschlands als säkularem Staat ist offenbar zweitrangig, wenn es darum geht, eine Landtagswahl zu gewinnen.

        Jörg Wilhelm / Peter Wagner

        Diese Seite:Download PDFDrucken

        to top