Dekanat Rüsselsheim

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        Religionen gegen Rassismus

        „Ein Weißer ist nicht besser als ein Schwarzer, noch ist ein Schwarzer besser als ein Weißer.“

        Ahmadiyya Groß-Gerau

        Religionsvertreter*innen und Politiker*innen setzten am 25. September 2020 in Groß-Gerau in der Jahnhalle mit prominent besetztem Podium und vollem Haus - unter Corona-Bedingungen 70 Gäste - zum Thema "Religionen gegen Rassismus" ein deutliches Signal gegen Rassismus in unserer Gesellschaft. Eine Podiumsveranstaltung im Rahmen der Interkulturellen Wochen Groß-Gerau 2020.

        Im Podium: Wolfgang Prawitz (Pfarrer für Ökumene im Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim), Christine Bucholz (Bundestagsabgeordnete/ Die Linke), Michael Gahler (Abgeordneter des Europäischen Parlaments/ CDU), Dr. Reiner Becker (Leiter Demokratiezentrum Hessen), Nilüfer Kuş (Koordinationsstelle gegen Rechtsextremismus & Rassismus Groß Gerau) und Abdullah Wagishauser (Bundesvorsitzender Ahmadiyya Muslim Jamaat).
        Moderator: Salman Tyyab (Fernsehjournalist)

        Statement von Pfarrer Wolfgang Prawitz (Pfarramt für Ökumene im Dekanat, Podium):
        "Die Politik auf Länder- und auf Bundesebene und in Europa muss realisieren, dass es in Deutschland und Europa strukturellen Rassismus gibt. Das meint nicht nur Polizei- und Sicherheitsbehörden sondern die alltäglichen Zurücksetzungen in der Arbeitswelt, auf dem Wohnungsmarkt und in den Möglichkeiten zur politischen Teilhabe insgesamt."

        Statement von Kristin Flach-Köhler (Leiterin des Ev. Zentrums für Interkulturelle Bildung, Gast):
        "Weil es in allen Religionen Menschenbilder gibt, die die Menschen als Geschöpfe Gottes sehen, hat Rassismus in den Religion keinen Platz. Bei der Diskussion ging es um die Betroffenheitsperspektive. Schwarze Menschen erleben Rassismus, das können weiße Menschen nicht nachvollziehen. Sie müssen es aber hören, weil diese "Realitätswahrnehmung" einen Teufelskreis ergibt in Punkto Machtverhältnisse. Wichtig ist, die Gleichwertigkeit auf dieser Ebene herzustellen, anzustreben, um damit auf Augenhöhe reden zu können und sich davon berühren zu lassen und sich selbst bewegen, verändern zu können."

        Statement von Moderator Salman Tyyab (aus dessen Pressemeldung):
        "Wegen Corona konnte man nur 70 Gäste zulassen, die die Stadthalle in Groß-Gerau füllten. Sie alle interessierte die Frage, was können Religionen gegen Rassismus tun? Eingeladen hatte die Ahmadiyya Muslim Jamaat Groß-Gerau. Danyyal Tariq, der für den interreligiösen Dialog in der Gemeinde zuständig ist, führte die Gäste mit einem Grußwort in den Abend ein. Zu Beginn ertönte bei absoluter Stille die arabische Rezitation des Korans – die Übersetzung leitete direkt in das Thema ein.
        49:12
        "O die ihr glaubt! lasset nicht ein Volk über das andere spotten, vielleicht sind diese besser als jene; noch Frauen (eines Volkes) über Frauen (eines anderen Volkes), vielleicht sind diese besser als jene. Und verleumdet einander nicht und gebet einander nicht Schimpfnamen. Schlimm ist das Wort: Ungehorsam nach dem Glauben; und wer nicht ablässt, das sind die Frevler."
        49:14
        "O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet. Wahrlich, der Angesehenste von euch ist vor Allah der, der unter euch der Gerechteste ist. Siehe, Allah ist allwissend, allkundig."
        Groß-Geraus Bürgermeister Erhard Walther gab zu Beginn einen kurzen Impuls und forderte alle Religionen auf, bei der Bewältigung von Rassismus mitzuwirken. Ich, Moderator Salman Tyyag, stellte gleich am Anfang die Frage: „Hat Deutschland ein Rassismus-Problem? Wenn ja, warum?“ Alle anwesenden Podiumsgäste waren sich schnell einig: „Ja“, es gäbe ein Rassismus-Problem. Die Ursachen darin sahen alle aber in unterschiedlichen Dingen: „Kolonialismus“ (Gahler), „Erziehung“ (Wagishauser), „Strukturen“ (Kuş).
        Kuş gab Einblick in die Arbeit in Groß Gerau und sprach unter anderem von einem Fall einer Kopftuch tragenden Muslima, die im Frühjahr 2020 an einer Bushaltestelle in Groß-Gerau zunächst beschimpft und dann mit einer Flüssigkeit übergossen worden war und niemand darauf reagiert hatte. Kus: „Ich muss über diese Fälle sprechen, wenn ich das nicht tue, tut es keiner. Es kann nicht sein, dass, wie in diesem Fall, keiner darauf reagiert hat, keiner eingeschritten ist und selbst die Polizei diesen Fall später klein reden wollte.“ Es sei wichtig, dass sich Personen mit Erfahrungen von Diskriminierung oder Rassismus trauten, darüber zu sprechen, damit man jene Köpfe erreiche, wo sich dieser Hass formt. Der Fall der Muslima wurde erst zwei Monate später in der Presse veröffentlicht. Sie wies nochmals auf den Vorfallmelder hin unter https://www.kreisgg.de/vorfall.
        Bucholz sprach darüber, wie insbesondere der anti-muslimische Rassismus in den letzten Jahren wachse und setzte die These: „Wer Nazis bekämpfen will, muss anti-muslimischen Rassismus bekämpfen. Es ist sehr interessant, zu sehen, wie selbst Personen für die der Einsatz gegen Rassismus sonst wichtig ist, bei anti-muslimischem Rassismus eine andere Haltung pflegen.“ Becker wies darauf hin, dass der Rassismus besonders nach 9/11 und mit der Fluchtwelle 2015 eine besondere Ebene erreicht habe: „Wir haben das Problem außerdem seit Jahrzehnten aufgeschoben, uns nicht richtig mit den Gastarbeitern beschäftigt. Jetzt müssen wir enorm aufholen. Es wird derzeit viel getan, das macht Hoffnung, doch es ist noch ein langer Prozess bis zum Ziel.“ Gahler sprach den Politikern, unter anderem auch Innenminister Seehofer, ins Gewissen: „Hätte er mich zur Rassismus-Studie in der Polizei gefragt, hätte ich ihm davon nicht abgeraten.“ Es sei außerdem wichtig, dass Politiker für eine Sache stünden und nicht der Mehrheit hinterherschauten aus vermeintlicher Angst, ihren Job zu verlieren. Dann könne Politik ihre Rolle tatsächlich erfüllen. Und natürlich sprachen auch die Religionsvertreter. Wagishauser betonte als Muslim nochmal die eingangs zitierten Verse und wies darauf hin, dass der Prophet Muhammad noch in seinen letzten Tagen darauf hingewiesen habe: „Ein Weißer ist nicht besser als ein Schwarzer, noch ist ein Schwarzer besser als ein Weißer.“ Durch die Würdigung und Schätzung von dem schwarzen Sklaven Bilal, der zu einem Vorbild für Rechtschaffenheit unter den Muslimen geworden sei, habe Gott bereits in der Geschichte des Islams dafür gesorgt, dass solche Vorurteile für immer verstummen sollten. Ähnlich äußerte sich auch Prawitz, der für die evangelische Kirche sprach und auf den Impuls des Bürgermeisters Walther einging, der in den Religionen auch eine spaltende Kraft sah: „Je mehr ich mich Gott ergebe, mit allen zehn Geboten, desto klarer werde ich mir, dass ich auch meine Mitmenschen gut behandeln sollte, ganz gleich welcher Religion oder Nation sie angehören.“ Wagishauser fügte hinzu: „Wahre Religionen, all jene, die sich auf die Urquellen berufen, kommen zu eben diesem Ergebnis. Und für Andersgläubige oder vermeintlich Nichtgläubige ist es wichtig, dass sie diesen Unterschied erkennen. Die Religionen in ihrem Ursprung haben nämlich nur eine Kraft und das ist die Versöhnende und Einheit Schaffende.“ Die zwei Stunden samt Fragen aus dem Publikum waren schnell verflogen als ich als Moderator abmoderierte: „Wenn wir alle heute den Anfang machen und genau hinschauen, nach außen, wenn Rassismus anderen widerfährt und nach innen, um unser Denken zu hinterfragen, dann haben wir heute schon etwas erreicht. Lassen Sie uns den Anfang machen und jener Dominostein sein, der eine Bewegung ins Leben ruft. Eine Bewegung, die das Miteinander in unserer Gesellschaft fördert."" 

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

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