Dekanat Rüsselsheim

Angebote und Themen

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        Kirche und Diakonie zum Sozialen Pflichtjahr

        Soziale Arbeit braucht Anreize statt Zwang

        Bernd Altmann

        Der Vorschlag der CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, ein Soziales Jahr oder Wehrdienst verpflichtend wieder einzuführen, löst auch bei Diakonie und Evangelischer Kirche im Kreis Groß-Gerau wichtige gesellschaftspolitische Diskussionen aus. Ehrenamt und Soziale Arbeit brauche Anreize und Aufwertung statt Zwang, finden Ehrenamtliche und Leiter/Innen von Diakonie und Evangelischer Kirche im Landkreis Groß-Gerau. Jonas Voigt (Foto) ist FSJ-ler im Ev. Dekanat und kann einen solchen Dienst für junge Erwachsene nur empfehlen.

        Dekan Karl Hans Geil vom Ev. Dekanat Ried findet das Thema Soziales Engagement  wichtig und auch wert, es breit zu diskutieren. „Was mich stört ist, dass es von vielen im Kontext von Pflegemangel, fehlendem Personal in sozialen und betreuenden Einrichtungen diskutiert wird. Ungelernte Jugendliche können kein Fachpersonal ersetzen. Im Gegenteil, denn ihr Dienst muss von Fachpersonal angeleitet werden.“ Zwangsdienste findet auch Dekanatsjugendreferent Bernd Altmann mit Blick auf die Mitarbeiter/Innen sozialer Dienste problematisch. Seit Oktober 2017 steht ihm im Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim Jonas Voigt für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zur Seite. Vor seinem Jurastudium hat sich der Wiesbadener bewusst für einen freiwilligen Dienst bei der Ev. Jugend im Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim entschieden. Dabei habe er sich den Arbeitsalltag viel schlechter vorgestellt, gibt er offen zu: Laufjunge, Papiere schreddern, Kaffee kochen? Weit gefehlt. Wenn der 20-Jährige mit seinem Auto am Rüsselsheimer Haus der Kirche am Markt 7 täglich vorfährt, hat er im Kopf schon seine Liste, was zu tun ist, selbstständig. Konfifahrten brauchen heutzutage jede Menge Technik oder telefonisch gibt er Auskunft, wenn Alexander Kurz oder Bernd Altmann in Sitzungen oder mit Jugendlichen unterwegs sind. „Ich habe Glück mit meinen Anleitenden, habe einen eigenen Verantwortungsbereich und das Verhältnis ist gut“, sagt der sympathische junge Mann.  Nachdem er sich im Ev. Dekanat 2017 vorgestellt hatte, hat er beim regionalen Diakonischen Werk in der Weserstraße in Rüsselsheim die Formalitäten geklärt. Auf deren Homepage www.diakonie-kreisgg.de lesen Interessierte im Menü „BFD oder FSJ“, die Vorteile, wenn man sich freiwillig für diesen Dienst entscheidet: „Taschen- und Verpflegungsgeld, geregelten Urlaub, Kranken- und Sozialversicherung,  je nach Einsatzstelle eine Unterkunft oder einen Zuschuss zu den Fahrtkosten, ein qualifiziertes Zeugnis sowie eine feste Ansprechperson, Beratung und Begleitung“. 

        Soziale Dienste werden dringend benötigt

        Lucian Lazar ist Leiter des regionalen Diakonischen Werks in Groß-Gerau-Rüsselsheim und koordiniert auch hessenweit freiwillige Dienste. Fakt sei, so der ausgebildete Sozialpädagoge, dass es bei der Diakonie mehr freie Plätze als Bewerberinnen und Bewerber gäbe. Viele Träger sozialer Organisationen hätten einen großen Bedarf, so Lazar. Auf die Frage, ob es dann nicht eine gute Idee wäre, solch einen sozialen Dienst verpflichtend einzuführen, antwortet er:  „Ich würde es mir einerseits wünschen, weil es jungen Menschen Halt und Orientierung gibt. Auf der anderen Seite ist das Pflichtjahr nicht vereinbar mit unserem Grundgesetz. Eine moderne Bundeswehr braucht Soldaten, die gut vorbereitet und ausgestattet sind. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht halte ich jedoch nicht für zielführend, da die Bundeswehr inzwischen anders strukturiert ist und andere Aufgaben zu erfüllen hat.“

        Soziale Arbeit braucht Herzblut und Motivation

        Dekanin Birgit Schlegel zur Frage, ob ein soziales Pflichtjahres eingeführt werden sollte:  „Ich würde eher nein sagen, weil diese Art von Aufgaben, die es gibt, mit Herzblut gemacht werden müssen oder zumindest die Bereitschaft da sein sollte, sich auf Ungewohntes einzulassen, auf Menschen, die anders ticken und auf Aufgaben, die vielleicht nicht nur angenehm sind. Eine Anfangsmotivation für einen Freiwilligendienst sollte da sein.“ Die Erfahrung ihrer 20-jährigen Tochter, die nach dem Abitur ein FSJ in einem Kindergarten gemacht hat, sei positiv gewesen: „Für meine Tochter war dies eine gute Zeit, um sich mit unterschiedlichen Menschen auseinanderzusetzen. Das was sie beruflich vorher im Blick hatte, hat sich innerhalb des Jahres bestärkt.“

        Zwangsdienst nein – soziale Dienste ja – aber dafür braucht es Anreize

        Dekanin Schlegel sieht eine Lösung darin: „dass diese Arbeitsfelder, die wir in unserer Gesellschaft so dringend brauchen, attraktiver gestaltet und besser bezahlt werden. Ich finde es wichtig, dass junge Menschen mit Problemen und Bedarfen in unserer Gesellschaft konfrontiert werden und dass sie etwas dafür tun – aber bitte nicht unter Zwang.“
        Dekan Karl Hans Geil argumentiert,  das Soziale Jahr müsse von Anreizen leben und nicht von Zwang: „Es muss deutlich höher bei der Vergabe von Studienplätzen berücksichtigt werden als z. B. reine Wartezeit. Das gleiche gilt bei Einstellungen in Berufe, wo ein solches Jahr in diesem Bereich auch als Berufsvorbereitung gewertet wird. Die praktische Erfahrung und Eignung für den Beruf im medizinischen, pflegerischen oder betreuenden Bereich würde berücksichtigt werden und nicht nur die Tatsache,  wer reine Wartezeit überbrücken kann, weil die Familie finanziert.“

        Noch ist „freiwillig teuer“, so betitelte auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ am 12. August 2018  die Sachlage. Ein soziales Jahr muss man sich leisten  können. „Work and travel“ nach Australien oder Neuseeland muss ordentlich bezuschusst werden und gilt in Akademikerkreisen fast schon zum guten Ton. Alleinerziehende oder Empfänger von Arbeitslosengeld II werden dagegen noch ärmer, wenn ihre Kinder nach der Schule statt Ausbildung einen Freiwilligendienst leisten.

        Raum schaffen für Ehrenamt – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

        Deshalb richtet sich der Appell von Dekanin Birgit Schlegel an die Gesellschaft: „In unserer Gesellschaft muss Raum sein für ehrenamtliches Engagement und zwar in allen Altersstufen.“ Der Arbeitsalltag von Schülern und Eltern sieht jedoch vielfach anders aus: Leistungsdruck, Nachhilfe am Nachmittag, Überstunden, Krankenstände in den Betrieben. ..
        Der Dekanatsvorstandsvorsitzende Holger Tampe leitet das Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim freiwillig, ehrenamtlich, ist dreifacher Familienvater und ist Vollzeit berufstätig. Was hält er von einem sozialen Pflichtjahr für alle? “Ich bin zweigeteilt. Einerseits ist alles, was eine Verpflichtung darstellt, ein Eingriff in die persönliche Freiheit, die man eigentlich nicht wünscht. Zum anderen wäre es aber aus meiner Sicht tatsächlich wünschenswert, wenn mehr Menschen einen Dienst für ihre Mitmenschen leisteten. Dafür braucht es kein Pflichtjahr, sondern eine stärkere Anerkennung. Wenn man mit jungen Menschen spricht, die ein FSJ abgeleistet haben, so haben diese eine ganze Menge von persönlicher Bereicherung und Reife erfahren.“
        „Ein FSJ gibt  Halt und Orientierung“, stimmt Lucian Lazar Holger Tampe zu. Die meisten Jugendlichen seien aufgrund des Berufsfeld-Wandels verunsichert, durch die Vielfalt desorientiert. Dieses Liedchen können auch viele Eltern singen, deren Kinder ihre Studienfächer wechseln oder das Studium abbrechen, weil sie mit  17 oder 18 nach „G8“ noch gar nicht wussten, was sie einmal werden wollen.

        Lebensläufe sind heterogen – Firmen bewerten FSJ eher positiv

        Ausbildungschefs großer Firmen finden heutzutage Lebensläufe vor, die überwiegend eine Pause zwischen Schule und Ausbildung aufweisen. Im Auswahlverfahren werde das Freiwillige Soziale Jahr überwiegend nicht als Nachteil aber auch nicht als signifikanter Vorteil gewertet. Mathias Rothenburger ist Ausbildungsbeauftragter der Fa. Merck für den naturwissenschaftlichen Bereich. Er findet es in Zeiten der Moderne positiv, wenn junge Menschen andere Aspekte der Gesellschaft kennenlernen. Daher bewertet er ein Freiwilliges Soziales Jahr „aus dem Bauch heraus auf jeden Fall als Pluspunkt.  2018 haben fast alle nach dem Schulabschluss ein  Jahr Pause gemacht. Lebensläufe sind heterogen. Jede Freiwilligkeit einer Tätigkeit wird auf jeden Fall positiv bewertet“.

         

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

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