Dekanat Rüsselsheim

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote des Dekanates Rüsselsheim - Groß Gerau zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

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        FridaysForFuture - Disziplin und Ordnung statt Schutz der Natur?

        „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut!“

        Heidi Förster

        Ein christliches Plädoyer für FridaysForFuture. Es sind hauptsächlich Schülerinnen und Schüler, die für eine Klimapolitik demonstrieren, welche auch den jungen Menschen noch eine Zukunft verspricht. Das Evangelische Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim bezieht klar Stellung für die Bewahrung der Schöpfung, damit alle in Frieden und Gerechtigkeit (über-)leben können.

        Heidi Förster

        Angeregt von der schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg gehen Schüler*innen freitags während der Schulzeit auf die Straße. Einige wenige Politiker*innen haben die jungen Leute unterstützt, andere haben sie abgewertet und beleidigt. Inzwischen erwägen Politiker*innen mehrerer Bundesländer, die Bewegung mit Bußgeldern zu stoppen.

        Politik und Staatsbedienstete tragen Verantwortung für die nächsten Generationen

        Else Trumpold, langjährige Kirchenvorsteherin der Ev. Gemeinde Büttelborn und Mitglied im Vorstand des Ev. Dekanats Groß-Gerau-Rüsselsheim kann die Diskussionen um „schwänzende“ Schüler*Innen nicht mehr hören. Als Lehrerin im Ruhestand wünschte sie sich vielmehr Menschen auch im ländlichen Raum, Schulleitungen und Lehrer*innen, die mit Phantasie diese wichtige Bewegung FridaysForFuture unterstützten - und ihrer Rolle als „Staatsdiener“ gerecht würden. Voller Respekt für die demonstrierenden Schüler*innen sagt sie: „Schade, dass über die Begleiterscheinungen dieses Aufrufs der kommenden Generation mehr Energie und Zeit ver(sch)wendet wird, als auf die Inhalte, die bei den Freitags-Demos die Grundlage sind. Wollen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auch hier wieder den Neben- zum Hauptschauplatz machen, indem sie die Sekundärtugenden Disziplin und Ordnung über die drängenden inhaltlichen Fragen nach der Gestaltung und Erhaltung unserer Erde für die nachfolgenden Generationen und deren Nachkommen stellen?“

        Jugendliche in der Kirche kommen zu Wort – auch im Konfirmations-Unterricht

        Pfarrer Wilfried Ritz wollte von Konfirmand*Innen seiner Gemeinde Ginsheim wissen, welche Konsequenzen Schüler*Innen, die sich statt Unterricht für FridaysForFuture engagieren, tatsächlich erleiden: „Die Akteure gehen unter Umständen ein Risiko ein. Von Konfirmand*innen wurde mir zudem berichtet, dass sie erlebt haben, wie ein Mitschüler null Punkte in einer durch die Aktion versäumten Klassenarbeit bekam. Aber gerade weil diese Bewegung bewusst Schulunterrichtszeit für ihr Anliegen opfert, gibt es ihrer Aktion die Aufsehen erregende Note. Zumal – je nach Bundesland und je nach Schulleitungs- und Lehrerschaft - das Fernbleiben vom Unterricht auch und gerade in diesem Fall als „Ordnungswidrigkeit“ gewertet werden kann.“ Elisa Ohrem ist in der 10. Klasse der Alsbacher Melibokusschule. Für die 15-Jährige ist FridaysForFuture „ein total wichtiges Thema, für das sich manche eben jetzt schon im Jugendalter interessieren und sich deshalb gerne engagieren". Auch sie ist freitags statt in den Unterricht für Klimaschutz auf die Straße gegangen. Ihr Wunsch: „dass man das machen darf, ohne dass jemand einen irgendwie beleidigt oder sonst einen unnötigen Kommentar abgibt“. Für die 18-jährige Studentin Sophie Riese sind die Kritiker*Innen von FridaysForFuture einfach „blödsinnige Menschen! Irgendwer muss sich ja wehren“. 
        Der einfühlsame Seelsorger Wilfrid Ritz hat den Jugendlichen lange zugehört und erfahren, „dass alle Jugendlichen über die Sache Bescheid wussten und eine gewisse Sympathie für das Anliegen der Bewegung zeigen. Einige sagten verärgert, sie hätten in ihrer Schule darüber überhaupt nichts erfahren, andere erlebten bei ihrer Lehrerschaft Wohlwollen für dieses Anliegen und wieder andere wären auch mitgegangen, hätten sie sich nicht durch die Drohungen der Schulleitung und oder der Lehrer*innen davon abgehalten lassen. Für mich stellt sich die Frage, warum so wenig über das Anliegen der Jugendlichen selbst diskutiert wird, anstatt über ihr „Fehlverhalten“. Könnte es sein, dass das Fernbleiben vom Unterricht einerseits zwar die Aufmerksamkeit der Bewegung steigert, andererseits aber auch benutzt wird, um die Aufmerksamkeit vom Anliegen weg hin zu einer „Nebensache“ zu lenken? Warum wird auf ein Fehlverhalten von Schüler*Innen, das niemandem sonst schadet außer ihnen selbst, sofort und sehr laut reagiert, während auf das umweltzerstörende Fehlverhalten von Konzernen, von Gruppen oder Einzelpersonen nur zögerlich oder gar nicht reagiert wird? Wenn nun das Argument kommt, dass es gegen dieses umweltzerstörende Fehlverhalten von Konzernen, Gruppen oder Einzelpersonen keine rechtliche Handhabe gibt, dann hinterfrage ich auch dies. Warum ist das so? Warum reagieren insbesondere die ordnungsbetonenden Politiker*innen an dieser Stelle nicht mit einer entsprechenden Gesetzgebung? Was sehen sie als Ihre Aufgabe? Ist der nächste Wahlerfolg tatsächlicher wichtiger, als die Zukunft aller?“

        Faszinierend und frustrierend: 
        Die Vollkommenheit der Natur und ihre Zerstörung durch den Menschen

        Gisela Kögler aus Mörfelden engagiert sich für Frieden. Dafür trägt sie Verantwortung, im Dekanatssynodalvorstand (DSV) des Ev. Dekanats Groß-Gerau-Rüsselsheim und auf Landesebene der EKHN. Gerade bereitet sie die Synode im Mai 2019 vor, denn sie leitet den neunköpfigen „Ausschuss für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ . Auch in diesem Amt geht es ihr wie den Jugendlichen von FridaysForFuture darum, die Zukunft nachhaltig, chancengerecht und lebenswert zu gestalten. 
        Natur-Dokumentationen und Filme etwa von der BBC oder der ARD informierten, so Kögler, "über die verschiedenen Perspektiven unserer (Um)welt: Die einen berichten über bedrohte Tier- und Pflanzenarten, die anderen erklären das Zusammenspiel der verschiedenen Naturereignisse oder auch ganz konkret die Auswirkungen von Umweltzerstörung aller Art. Allen ist grundlegend, den Zuschauer*innen deutlich zu machen, wie exakt und filigran die Elemente der Natur aufeinander abgestimmt sind. Es ist ein genialer Plan mit dem die Erde gemacht ist. Jedes Detail unserer Natur ist passgenau aufeinander abgestimmt. Und nur in dieser Konstellation ist es möglich, dass über den ganzen Erdball Leben in unterschiedlichster Vielfalt existieren kann. Und allen Veröffentlichungen ist auch gemein, mehr oder weniger thematisierend, dass es in dieser perfekt abgestimmten Naturkette nur einen einzigen Ausreißer gibt, der durch sein Tun nachhaltig für Chaos und Zerstörung sorgt: Der Mensch!“ Gisela Kögler unterstützt Jugendliche auf Augenhöhe, „die jetzt schon seit vielen Monaten ausgerechnet mit klaren Worten und deutlichen Aktionen nicht locker lassen und immer wieder fordern, dass vor allem die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft endlich Maßnahmen ergreifen, unsere Umwelt zu schützen und nicht weiter zu zerstören. Sie haben begriffen, dass ihr Leben und das aller anderen in höchster Gefahr ist; Dagegen ist Schule schwänzen ein unbedeutendes Vergehen.“

        Evangelische Kirche trägt gesellschaftliche Verantwortung

        Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) setzt sich auf Landes- und Dekanatsebene  für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ein. Diese Ziele sind nicht bloß Slogans einer kundenorientierten Marketingstrategie mit Blick auf einen Gewinn bringenden "Trend Nachhaltigkeit"; Die Bibel mit guter Botschaft für Lebensorientierung, Menschen vor 2000 Jahren und Jesus geben darin Beispiele christlicher Gerechtigkeit. Das Priestertum aller Gläubigen der EKHN verkündet nicht nur die Gute Botschaft, die Landeskirche nimmt in ihrem Etat seit 16 Jahren auch Geld in die Hand: für Personal, Veranstaltungen, Aufklärung, Ökumene und konkrete Maßnahmen zum Schutz von Natur und Lebensgrundlagen aller Menschen. Auch im Landkreis Groß-Gerau hat das Evangelische Dekanat dafür eine  regionale Pfarrstelle für „Gesellschaftliche Verantwortung“ eingerichtet. 
        Ellen Simon, Pfarrerin in Klein-Gerau (Büttelborn), ist mit diesem Auftrag im gesamten Landkreis Groß-Gerau engagiert. Mit Menschen in Gemeinden, Vereinen und im Landkreis Groß-Gerau ist sie vernetzt. Ziel ist es, gemeinsam laut zu werden, die Umwelt nicht weiter auszubeuten, Ressourcen zu schonen, miteinander zu teilen und  Gerechtigkeit rund um den Globus zu erreichen: „Es ist 5 nach 12 – und da können wir einfach nicht mehr so tun, als ob es wichtiger wäre, auf Schulordnungen zu pochen, anstatt auch einmal was zu riskieren im Blick auf die eigene Schulkarriere, um auf die große Gefahr für die Zukunft unserer Welt hinzuweisen.... Das ist die Haltung der jugendlichen Protestierenden. Und sie sind uns Erwachsenen da weit voraus. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut" lautet ihr Appell." Ellen Simon fährt täglich mit dem Zug von Darmstadt in den Landkreis zur Arbeit und hat unter anderem in ihrer Kirchengemeinde in Klein-Gerau Kleidertausch-Partys etabliert (siehe Artikelfoto oben). Landeskirchenweit setzt sie sich dafür ein, Karfreitag und FridaysForFuture zusammen zu denken, "laut und deutlich zu werden, um der leidenden Schöpfung eine Stimme zu geben.“

        Evangelische Jugend Hessen Nassau fordert mehr Klimaschutz innerhalb der Kirche

        Die kirchlich getragene und verantwortete Kinder- und Jugendarbeit ist in der hessischen Landeskirche (EKHN), die mit rund 1,55 Millionen Mitgliedern von Alsfeld über Rheinhessen bis in den Odenwald reicht, in einem selbstständigen Verband organisiert, der „Evangelischen Jugend Hessen-Nassau“, kurz EJHN. Jugendvertretungen aller Dekanate wurden vom Verband jetzt aufgefordert, sich mit den lokalen Gruppen von FridaysForFuture zu solidarisieren und ihre Arbeit zu unterstützen. In Groß-Gerau-Rüsselsheim entspricht der Zusammenschluss von Kirchengemeinden im Evangelischen Dekanat exakt dem Zuschnitt des Landkreises. Die Forderung der EJHN, im Sinne von Klimaschutz zu handeln, richtet sich nicht nur an die politischen Verantwortlichen der Kommunen, sondern auch an die eigenen Reihen, die EKHN. Dabei erinnert sie an die Klimaziele der Evangelische Kirche Deutschland (EKD). Die EKD empfiehlt, Einsparung von 40% der CO² Emissionen bis 2020 gegenüber 2005 und Klimaneutralität bis 2050 als die eigenen Ziele umzusetzen. Vor dem Hintergrund der Debatte um die Glaubwürdigkeit der protestierenden Schüler*innen ruft die Evangelische Jugend Verantwortliche auf allen Ebenen auf, sich öffentlich dafür einzusetzen, dass das politische Engagement von jungen Menschen wie bei FridaysForFuture mit Respekt behandelt und gewürdigt wird.

        FridaysForFuture passend zur Passionszeit und zur Europawahl

        Pfarrer Wilfried Ritz muss angesichts der Jugendlichen, die freitags auf die Straßen gehen, auch an Jesus denken: „Die Bewegung FridaysForFuture kündigt auch für den 24. Mai, also zwei Tage vor der Europawahl, Demonstrationen an. Das ist ein bewusst gewählter Termin, um alle an ihre Verantwortung nicht nur für Europa, sondern für die gesamte Erde zu erinnern. Das Risiko, das die jungen Leute eingehen, ihr Mut und ihr Engagement erinnert mich als Christ, der die Passions-Zeit feiert, an jenen, der sogar seinen Tod in Kauf nahm, um dem Leben und der Welt zu dienen. Nach alter Tradition ruft die Passions-Zeit zur „Umkehr“ auf. Die jungen Klima-Aktivistinnen und Aktivisten tun dies in ihrer Weise.“  

        Für Gisela Kögler aus Mörfelden ist der Aufstand der Schüler*Innen Appell an uns alle: „Erst wenn wir täglich überlegen, ob wir laufen, Rad oder Bahn statt Auto fahren, wenn wir täglich überlegen wie ressourcenschonend die Dinge sind, die wir kaufen – und ob wir sie alle überhaupt kaufen müssen - wenn jeder von uns nachhaltiges Handeln verinnerlicht hat, erst dann können die Jugendlichen, die Recht für eine lebenswerte Zukunft demonstrieren, am Freitag wieder in die Schule gehen.“

          

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

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