Dekanat Rüsselsheim

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        Fridays for Future

        Liebe Leserinnen und Leser,

        Fridays For Future – auch für diesen anstehenden Freitag sind wieder Demonstrationen angesagt. Es sind hauptsächlich Schülerinnen und Schüler, die für eine Klimapolitik demonstrieren, welche auch den jungen Menschen noch eine Zukunft verspricht. Angeregt von der Klima-Aktivistin Greta Thunberg gehen sie freitags, auch während der Schulzeit, auf die Straße. - Die Reaktionen darauf, wie ich sie von Politikern beobachtete, war bei einigen: Es ist ja nett, wenn junge Leute sich ihre Meinung bilden und dafür einstehen – aber bitte nicht zur Unterrichts-Zeit! Für mich ist diese Reaktion nicht so recht nachvollziehbar. Wenn jemand einem, der in einen Hungerstreik tritt, sagt: „Nichts gegen Deine Meinungsäußerung, aber lass das mit dem Hungern, Du schadest damit Dir nur selbst!“ weiß ich nicht, ob er verstanden hat, worum es der betreffenden Person geht. Einige wenige Politiker haben die jungen Leute unterstützt, andere haben sie abgewertet und beleidigt. Inzwischen erwägen Politiker mehrere Bundesländer, die Bewegung mit Bußgeldern zu stoppen.

        Dass diese Bewegung Schulunterrichtszeit bewusst für ihr Anliegen opfert, gibt ihrer Aktion die Aufsehen erregende Note. Zumal – je nach Bundesland und je nach Schulleitungs- und Lehrerschaft - das Fernbleiben vom Unterricht auch und gerade in diesem Fall als „Ordnungswidrigkeit“ gewertet werden kann. Die Akteure gehen unter Umständen ein Risiko ein. Von KonfirmandInnen wurde mir zudem berichtet, dass sie zudem erlebt haben, wie ein Mitschüler 0 Punkte in einer durch die Aktion versäumten Klassenarbeit bekam.

        Nun ließe sich sagen: genau das zeigt doch, wie ernst es den jungen Leuten ist mit ihrem Anliegen. Stattdessen hält sich das Urteil, diejenigen, die Mitmachen, tun dies, um die Schule zu schwänzen. Dieses Urteil besteht nicht nur bei jenen Schulleitungen, Lehrern und Eltern, denen die „Ordnung“ am Herzen liegt. Unter den Jugendlichen selbst scheint dieses (Vor-)Urteil weit verbreitet zu sein. In der einen meiner beiden KonfirmandInnen-Gruppen meinten die Jugendlichen, dass 70% der an den Demonstrationen Teilnehmenden dies in erster Linie tun, weil sie damit die Schule schwänzen könnten. Von den 10 anwesenden Jugendlichen hatten drei an der Aktion Fridays For Future teilgenommen. In der anderen Gruppe meinten die 10 anwesenden Jugendlichen sogar, 90% gingen nur wegen des Schulausfalls hin. Von ihnen hatte niemand an der Demonstration teilgenommen. Daraus schließe ich: jene, die sich an den Fridays For Future – Aktionen beteiligen, riskieren sogar bei den eigenen Mitschülern als Schulschwänzer zu gelten.

        Dennoch spürte ich bei den Jugendlichen, die alle! über die Sache Bescheid wussten, eine gewisse Sympathie für das Anliegen der Bewegung. Einige sagten verärgert, sie hätten in ihrer Schule darüber überhaupt nichts erfahren, andere erlebten bei ihrer Lehrerschaft Wohlwollen für dieses Anliegen und wieder andere wären auch mitgegangen, hätten sie sich nicht durch die Drohungen der Schulleitung und oder der LehrerInnen davon abgehalten lassen.

        Für mich stellt sich die Frage, warum so wenig über das Anliegen der Jugendlichen selbst diskutiert wird, anstatt über ihr „Fehlverhalten“. Könnte es sein, dass das Fernbleiben vom Unterricht einerseits zwar die Aufmerksamkeit der Bewegung steigert, andererseits aber auch benutzt wird, um die Aufmerksamkeit vom Anliegen weg hin zu einer „Nebensache“ zu lenken? Warum wird auf ein Fehlverhalten von SchülerInnen, das niemandem sonst schadet außer ihnen selbst, sofort und sehr laut reagiert, während auf das umweltzerstörende Fehlverhalten von Konzernen, von Gruppen oder Einzelpersonen nur zögerlich oder gar nicht reagiert wird? Wenn nun das Argument kommt, dass es gegen dieses umweltzerstörende Fehlverhalten von Konzernen, Gruppen oder Einzelpersonen keine rechtliche Handhabe gibt, dann hinterfrage ich auch dies: warum ist das so? Warum reagieren insbesondere die ordnungsbetonenden Politiker an dieser Stelle nicht mit einer entsprechenden Gesetzgebung? Was sehen sie als Ihre Aufgabe? Ist der nächste Wahlerfolg tatsächlicher wichtiger, als die Zukunft aller?

        Die Bewegung Fridays For Future kündigt auch für den 24. Mai, also zwei Tage vor der Europawahl Demonstrationen an. Das ist ein bewusst gewählter Termin, um alle an ihre Verantwortung nicht nur für Europa, sondern für die gesamte Erde zu erinnern.

        Das Risiko, das die jungen Leute eingehen, ihr Mut und ihr Engagement erinnert mich als Christ, der gerade die Passions-Zeit feiert, an jenen, der sogar seinen Tod in Kauf nahm, um dem Leben und der Welt zu dienen. Nach alter Tradition ruft die Passions-Zeit zur „Umkehr“ auf. Die jungen Klima-Aktivistinnen und Aktivisten tun dies in ihrer Weise auch. Nehmen wir sie ernst – und vor allem ihr Anliegen!

        Eine fruchtbare Rest-Zeit der „Besinnung“ wünscht Ihnen

        Ihr

        Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim

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